5 JAHRE NACHLASSPFLEGE ROECKENSCHUSS

Im Jahr 2014 übernahm die Galerie Köppe Contemporary die Nachlassverwaltung des 2011 verstorbenen Berliner Künstlers Christian Roeckenschuss. Christian Roeckenschuss gehörte zur ersten Generation der Nachkriegskonkreten. Er erreichte infolge zahlreicher Auslandsausstellungen und durch die Aufnahme seiner Arbeiten in bedeutende Sammlungen internationale Anerkennung. Seine Bedeutung für die Konkrete Kunst und den Minimalismus wurde unter anderem durch Ausstellungen im Mies-van-der-Rohe-Haus Berlin, der Daimler Art Collection Berlin sowie durch Ankäufe – unter anderem durch das Museum of Modern Art (New York), das Museum für Konkrete Kunst (Ingolstadt) und durch die Daimler Art Collection (Berlin) – hervorgehoben.

Nach mittlerweile knapp 5 Jahren blicken wir auf eine erfolgreiche Förderung und Aufarbeitung des Nachlasses zurück, die zuletzt in einer stark gestiegenen Wahrnehmung seines Werkes mündet. Hier ein Überblick über unsere Aktivitäten.

Gruppen der nachgelassenen Kunstwerke

 

Bei den Kunstwerken, die ab April 2015 in die Nachlassverwaltung der Galerie Köppe Contemporary kamen, handelte es sich um ca. 850 Kunstwerke.

Der Nachlass teilt sich auf in folgende Werkgruppen:
 

  • Papierarbeiten (überwiegend Werke aus der Studienzeit sowie ein Skizzenblock und Druckgrafiken), ca. 60 Werke

  • Malerei (hauptsächlich Farbfeldmalerei), ca. 80 Werke

  • Reliefs, Objekte, ca. 10 Werke

  • Collagen (hauptsächlich Steifenbilder), ca. 100 Werke

  • Skizzen & Entwürfe (Freie Kunst), ca. 500 Werke

  • Skizzen & Entwürfe (Kunst am Bau), ca. 100 Werke

  • Sonstiges: Fotografische Porträts des Künstlers

Dokumentarische Aufarbeitung des Nachlasses

Alle übernommenen Werke aus dem noch vorhandenen Bestand, der sich im ehemaligen Wohn- und Atelierhaus des Künstlers in Zehlendorf vorfand, wurden fotografiert und digital mit den von der Hand des Künstlers vorgegeben Werknummern (oder Titeln) sowie den Entstehungsdaten (soweit auf den Werken vermerkt) katalogisiert.

 

Ebenfalls digital katalogisiert wurden die im Nachlass aufgefundenen Entwürfe freier und angewandter Kunst.

Wissenschaftliche Aufarbeitung des Nachlasses

 

Zeitgleich mit der Sichtung des Nachlasses begann die wissenschaftliche Aufarbeitung. Sie basiert u.a. auf Quellen, die sich im Nachlass fanden wie:

 

  • Persönliche Dokumente

  • Briefe und Notizen

  • Fotografien

  • Medienrezensionen

 

Des Weiteren fußt die wissenschaftliche Aufarbeitung auf den kunstwissenschaftlichen Rezensionen folgender Autoren:
 

  • Umbro Apollonio, Italien

  • Patrick Beurard, Frankreich

  • Matthias Bleyl, Deutschland

  • Eva-Maria Fruhtrunk, Deutschland/Frankreich

  • Eugen Gomringer, Deutschland

  • Ursula Prinz, Deutschland

  • Renate Wiehager, Deutschland


Ausgewertet wurde zudem Christian Roeckenschuss‘ umfangreiche, allerdings nur in Teilen erhaltene Korrespondenz.


Die wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgte in vier 2018/19 entstandenen Publikationen:
 

  1. Christian Roeckenschuss Das Werk I, 1948-1970

  2. Christian Roeckenschuss Das Werk II, 1970-2011

  3. Christian Roeckenschuss Kunst im öffentlichen Raum

  4. Christian Roeckenschuss Vom Entwurf zum Werk

Neben den o.g. Monografien, die als Begleitbände zu den vier Einzelausstellungen realisiert wurden, die die Galerie Köppe Contemporary zwischen 2015 und 2019 durchgeführt hat, entstand das Faltblatt Roeckenschuss – Entwürfe und Miniaturen (2019).


Alle Publikationen sind auch digital verfügbar unter: https://www.villa-koeppe.de/galerie-publikationen/

 

Öffentlichkeitsarbeit

Einzelausstellungen

 

  • Christian Roeckenschuss – Retrospektive (9.7 - 5.9.2015, Galerie Köppe Contemporary)

  • Christian Roeckenschuss – Avantgardist des Minimalismus (12.9. - 30.9.2017, Galerie Köppe Contemporary)

  • Christian Roeckenschuss – Minimalist und Konkreter Poet (14.12.2017 - 4.2.2018, Galerie Köppe Contemporary)

  • Christian Roeckenschuss – Vision des Universalen (23.8.-19.10.2019, Galerie Köppe Contemporary)


Dialogausstellungen

  • Abstract Meeting – Christian Roeckenschuss und Marie-Luise Heller im Dialog (30.6.- 30.7.2016, Galerie Köppe Contemporary)

  • Konträre Positionen im Dialog – Karl-Heinz Adler, Christian Roeckenschuss, Gil Schlesinger (08.11.2017 - 30.01.2018, Ausstellung in Kooperation mit der Galerie Object40, Berlin Schlüterstraße)

  • Künstlerinnen und Künstler in der Overbeck Gesellschaft Lübeck 1918-2018 (u.a. Georg Baselitz, Hanne Darboven, David Hockney, Kiki Smith) (16.11. 2018-13.1.2019, Kunstverein Lübeck)

Diskussionen / Dokumentationen

„Zur Situation der Berliner Konkreten in den Nachkriegsjahren“ – Podiumsdiskussion mit Regina Krüger (ehem. Bauverwaltung Berlin), die mit Christian Roeckenschuss befreundet war sowie mit den Zeitgenossen Peter Benkert (Künstler) und Bernd Damke (Künstler). Galerie Köppe Contemporary, 22.8.19.

Dokumentation

  • Christian Roeckenschuss – Avantgardist des Minimalismus: 6 Bild-/Text-Tafeln. (12.9. - 30.9.2017, Galerie Köppe Contemporary)

Internet

  • 2016 wurde eine eigene Webseite für den Künstler realisiert (roeckenschuss.com)

  • 2017 wurde ein Wikipedia-Eintrag basierend auf der wissenschaftlichen Aufarbeitung erstellt

  • Beiträge zu Christian Roeckenschuss sind unter anderem auf folgenden Kunstseiten im Internet zu finden:

Auktionsverkäufe

Zahlreiche Werke von Christian Roeckenschuss konnten über folgende Auktionshäuser versteigert werden:

  • Bassenge, Berlin

  • Griesebach, Berlin

  • Karl & Faber, München

  • Ketterer, München

  • Van Ham, Köln

Fazit

 

Das Historical Ranking von Artfacts zeichnet für den Zeitraum 1966-1983 eine fast gleichmäßig verlaufende Bilanzlinie zunächst mit Spitzenwerten zwischen 2.300 und 4.600 auf. Ab 1983 fällt die Bilanzlinie kontinuierlich bis auf den Wert von unter 47.000 ab und erholt sich erst 2006 infolge zweier wichtiger Ausstellungen, an denen Roeckenschuss teilnahm („Minimalism & After III“, Daimler Contem-porary, Berlin 2004 und „Eine Generation – drei Positionen“, Forum Konkrete Kunst, Erfurt 2006).

Das Interesse am Œuvre des Künstlers hielt sich in den Folgejahren jedoch nicht sehr lange. Diese rückläufige Tendenz hatte mehrere Gründe.

  1. Gegenüber den Kunststilen, die noch in den 60er und 70er Jahren dominierten (Pop Art, Konzeptkunst, Minimal Art), dominierten ab den 80er Jahren neue Kunstformen, wie z.B. der neoexpressive Realismus („Neue Wilde“) oder das Graffiti. In den 90er Jahren trat die Multimedia- und Installationskunst hinzu. Das Interesse der Galerien und Ausstellungshäuser sowie des Publikums an Minimal Art ging dadurch schlagartig zurück.

  2. Vermutlich endete Christian Roeckenschuss Zusammenarbeit mit seiner Kölner Galerie „Der Spiegel“ mit seiner letzten Galerie-ausstellung 1990.

  3. Mit Beginn der 1990iger Jahre schränkte Roeckenschuss aus unterschiedlichen, darunter gesundheitlichen Gründen, seine Ausstellungstätigkeit mit wenigen Ausnahmen auf Deutschland ein. Die internationale Wahrnehmung seines Lebenswerkes brach ein. Im Jahr 2016 erreichte sein Ranking mit einem Rang von ca. 85.000 einen absoluten Tiefstand.

Entwicklung nach 2016 / Ranking

 

Aufgrund der oben genannten Aktivitäten ist Roeckenschuss im Ranking auf artfacts zwischen 2016 und 2019 wieder auf einen sehr hohen Wert gestiegen.

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Zitate

  • „Christian Roeckenschuss setzt sich zum Ziel, musikalische Klangbilder in die Malerei zu übersetzen. Seine Farbstufungen erscheinen in gewisser Weise wie ein Transkript einer Tonskala oder von Farbabfolgen“, Patrick Beurard

  • „Seinen Bildern ist ein hohes Maß an Musikalität zu eigen. Es handelt sich bei den früheren Bildern um wirkliche Kompositionen, nicht im formalen Sinn – denn da verwendete der Künstler gern einfache parataktische Reihungen – wohl aber farblich. Die Farbigkeit seiner Arbeiten kann ihre Klangfülle in einer einfachen, vorgegebenen formalen Struktur voll entfalten. Sie sind gekennzeichnet durch oft eng beieinander liegende Farbtonabstufungen, nicht nahtlos, aber in sehr kurzen Intervallen, und haben damit alle Qualitäten von Glissandi, also das nicht völlig nahtlose, aber schnelle Auf- und Abgleiten von Tonleitern auf einer Klaviatur. Eine Bezeichnung wie Séquences Chromatiques trifft daher völlig den musikalischen Gehalt dieser Arbeiten (…).Matthias Bleyl

  • „Roeckenschuss‘ Malerei kehrt zurück zum Thema der Natur, der wir nicht anders als in Abläufen begegnen, in deren Abläufen wir selbst eingeschlossen sind. Das Bild als künstlerisch absichtlich gestaltetes Objekt lässt jeden Betrachter diese Erfahrung modellhaft-experimentell gewahr werden. Was in früheren Epochen metaphorisch, ja allegorisch hätte geleistet werden müssen, kann heute in fast unmittelbarer Natur-Kunst-Identität zur Erinnerung gebracht werden.“, Eugen Gomringer

  • „Meine Farbkompositionen folgen einer strengen Systematik durch ‚Stufen‘. So entstehen Abläufe auch als Thema des Lebens und der Natur (…). Auch bei meinen früheren Arbeiten ging es mir darum, dass die Kunst der bildliche Ausdruck unseres ganzen Wesens ist.“, Christian Roeckenschuss

  • „Christian Roeckenschuss greift bei seiner Arbeit auf das Gedankengut konstruktivistischer Kunst zurück. Es ist durchaus einsichtig, dass Roeckenschuss‘ chromatische Konsonanzen von anderen Vorlagen hergeleitet sind, hat man sich als Betrachter seiner Werke schließlich der kompositorischen Syntax bemächtigt,kann man feststellen, wie die vorhandenen Daten in ein durch gänzlich andere, vollkommen persönliche Akzente geformtes System gebunden sind.“, Umbro Apollonio

  • „Man muss über das Gerüst von Geometrie und Systematik einen persönlichen Ausdruck finden, der sich besonders in der Farbe manifestiert. Auf diese Weise sollen sich gleichsam dort das Unbewusste und die Imagination entfalten.“, Christian Roeckenschuss

  • „Meine Arbeiten sind keine Bildkompositionen im alten Sinne, sondern Versuche optischer Täuschungen. Fortentwickelt von der konstruktivistischen Malerei, möchte ich meine Reliefs in den Bereich der Op-Art eingliedern.“, Christian Roeckenschuss

  • „Formal basierten die Streifenbilder auf einem strengen Minimalismus. Durch die spezifische Ästhetik und Kraft seiner Farbenmodulationen schafft Christian Roeckenschuss in seinen besten Bildern eine einzigartige Synthese von Licht, Bewegung, Musik, Raum und Körper. Roeckenschuss‘ Werke sind durchdrungen von poetischen, naturspirituellen und religionsphilosophischen Vorstellungen. Dieser persönliche Zug ist es, der den Streifenbildern von Christian Roeckenschuss eine Sonderstellung innerhalb des Minimalismus einräumt.“, André Lindhorst

  • „In den 1950er und 1960er Jahren entstehen Werke mit zunächst klar umrissenen Formen und kontrastreiche Farbklängen, die nur bedingt den strengen Gesetzen der Geometrie folgen. In diesem Sinne kann Roeckenschuss als Vorgänger der spielerischen Destruktion von Geometrie und Konkreter Kunst gesehen werden, wie sie aus frühen Neo-Geo Arbeiten von Armleder und Rockenschaub bis zu den Werken von Jens Wolf und Anselm Reyle bekannt und in der Daimler Kunstsammlung vertreten sind.“, Nadine Brüggebors

  • „Aus dem Einfall des Lichtes und der Bewegung des Betrachters entstehen holografische Effekte und irisierende Farbklänge, die im Gegensatz zur Minimal Art eine Wiederbelebung des Übersinnlichen suchen“, Nadine Brüggebors